Material für den Deutschunterricht
Kritik an Schlink: Der Vorleser
Die methodische Vorlage: Das Muster "Schuldlos schuldig werden" gibt es in der Gegenwartsliteratur schon bei Max Frisch: Homo Faber (neurotischer Ingenieur in den Fünfziger Jahren verliebt sich auf einer Atlantik-Schifffahrt in ein Mädchen, das sich später als seine Tochter entpuppt; die stirbt bei einem gemeinsamen Griechenlandurlaub an einem Schlangenbiss; als Faber in Athen seine Jugendliebe wiedertrifft, erfährt er, dass dieses Mädchen ihre gemeinsame Tochter war). Dieser Roman hat eine gewisse antifaschistische Folie (besagte Jugendliebe ist Jüdin, aus Feigheit oder Karrieresucht trennte sich Faber in der Nazizeit von ihr). Allerdings war Max Frisch keiner, der sich auf das gefühlige Verstehen von NS-Tätern verlegt hätte, sondern ein Linker, der den Faschisten im Bürger hellwach beobachtete (→ Andorra u.a.m.).
Intime Einfühlung in das Seelenleben einer KZ-Aufseherin: Schlink macht aus diesem Muster eine Einfühlung in eine KZ-Aufseherin: Der junge Ich-Erzähler verliebt sich - natürlich unwissend - in besagte Nazi-Frau, für die Schlink übrigens die "Stute von Majdanek" (S. 115) zum Vorbild genommen hat. - Man soll das alles prickelnd finden: junge Liebe zu älterer Frau, und dann noch, wie sich langsam herausstellt, KZ-Aufseherin - und was dann der allergrößte Clou sein soll und in Wahrheit den wüstesten Zynismus darstellt: Die Ärmste war Analphabetin und hat nur deshalb, damit das nicht herauskommt, diesen "Posten" in Auschwitz angenommen. - Bei der nun folgenden Kritik im Einzelnen möge der geneigte Leser bitte bedenken, dass alle Einwände des Musters "kann's doch geben" die Konstruktion dieses Textes schon mitmachen statt einen Schritt zurückzutreten und zu fragen: Was hat der Autor hier vor, was konstruiert und formuliert er hier?
Faszination: "Sie bügelte auch ihre Unterwäsche, und ich wollte nicht hinschauen, konnte aber auch nicht wegschauen ... schulterlanges, aschblondes Haar ... Ein großflächiges, herbes, frauliches Gesicht. Ich weiß, dass ich es schön fand." (S. 14). Bitte nicht vergessen, von wem die Rede ist und auf welche Bahn hier der Leser gezogen wird: Unter den Insassen galt Braunsteiner als grausamste und brutalste Aufseherin und wurde von ihnen "Die Stute" genannt, da sie Häftlinge mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln trat. Sie fiel besonders durch ihre grausame Behandlung von Kindern auf, die in Majdanek als "nutzlose Esser" galten. Braunsteiner bestrafte die Kinder durch Schläge und Peitschenhiebe, wenn sie sich zu hastig auf den Essenskübel stürzten oder ihre Häftlingsnummer nicht richtig angenäht hatten. (aus Wikipedia)
Dass sich jemand - zunächst qua Konstruktion des Autors unwissend - in eine KZ-Aufseherin verliebt und bis zum Schluss allenfalls irritiert ist, aber im Prinzip niemals davon lassen will: Musste das so sein? - Antwort: "Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle ..."(S. 22) Kismet eben. Schlink gewährt seinem Protagonisten nicht den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, sondern, tja, Liebe macht halt blind, man weiß es, und ist daher stärker als Antifaschismus. Das leuchtet in schönster werkimmanenter Interpretation so manchem Deutschkurs ein, wie die zahlreichen begeisterten Websites zu diesem Text zeigen.
Sex: Wahrhaftig obszön ist dann, wie völlig ungebrochen der erste Sex von Hanna, so heißt die Frau im Text, mit dem jungen Erzähler dargestellt wird: Badewanne, "ein erregendes Behagen ... ihre Brüste an meinem Rücken ... Sie legte die Arme um mich, die eine Hand auf meine Brust und die andere auf mein steifes Geschlecht" (S. 26). Und wieder zur Erinnerung, damit niemand in die Rolle des naiven Lesers zurückfällt: Josef Mengele führte vorgeblich "medizinische" Experimente an Häftlingen durch, z. B. bei welchem Luftdruck ein Mensch erstickt. Carl Clauberg führte menschenverachtende Sterilisationsexperimente an weiblichen Lagerinsassen durch.(Wikipedia zum Stichwort Auschwitz) - Im Block 10 von Auschwitz wird immer noch "operiert", unbeirrt und fanatisch ist Professor Clauberg bemüht, seine Methode der Sterilisation von Frauen zu perfektionieren. Möglichst einfach und schnell soll es gehen, schließlich handelt Clauberg in "besonderem staatspolitischen Auftrag". Die Sterilisation führt er ohne Betäubung durch: "Ich hatte das Gefühl, mein Bauch würde vor Schmerzen platzen. Ich begann zu schreien, dass man es im ganzen Block hören konnte: Dr. Clauberg herrschte mich an, sofort mit dem Schreien aufzuhören, sonst käme ich gleich zurück ins Konzentrationslager nach Birkenau." So der Bericht einer tschechischen Jüdin. - Diese Zitate sind nicht unpassend, sondern genau passend: Wie gingen die KZ-Aufseher und -Ärzte mit menschlichen Körpern um?
Recht und Moral: Der Erzähler sieht Hanna Jahre später im Gerichtssal wieder, man hat sie als KZ-Aufseherin von Auschwitz identifiziert. Schlink fomuliert diese Kapitel als Rückblick und - selbstverständlich - Abrechnung mit den "Achtundsechzigern" (Gibt es mehr als eine Handvoll Übel dieser Welt, an denen nicht die "Achtundsechziger" schuld sind?): "Aufarbeitung! Aufarbeitung der Vergangenheit! Wir Studenten des Seminars sahen uns als Avantgarde der Aufarbeitung." (S. 87) Es wird hier eine Karikatur von Studenteneifer ausgemalt. Aber wodurch ist diese Kritik des Faschismus so lächerlich? Schlink lässt sie lächerlich werden durch Rufzeichen, Rhetorik ("Wir Studenten ... Wir vom KZ-Seminar") und einfach durch die erzählerische Behauptung, dass diese Kritik am Faschismus ein "großspuriges, überlegenes Gehabe" (S. 89) war, beispielsweise lässt er den Erzähler eine - natürlich unberechtigte - Kritik an seinem Vater vorbringen, um im Rückblick dann zu bereuen: "Wie kam ich dazu, ihn zu Scham zu verurteilen? Aber ich tat es." (S. 88) Und überhaupt habe der Erzähler damals ohne Sinn und Verstand mitgemacht ("ich wollte das gemeinsame Eifern teilen"), mit anderen Worten: die Achtundsechziger waren so etwas wie eine verrückte Sekte. Das geht in der Gerichtsverhandlung gegen Hanna weiter: Alle sind gegen sie, am Ende auch die anderen Nazi-Angeklagten. Auch der Richter steht dumm da - genauer: Auch den Richter lässt Schlink dumm dastehen. Denn als Hanna um Verständnis (bitte nicht vergessen, wofür!) bittet: "Was hätten Sie denn gemacht?", antwortet der Richter sehr passend: "Es gibt Sachen, auf die man sich einfach nicht einlassen darf" (S. 107). Aber Schlink lässt ihn mit dieser Antwort sehr armselig dastehen: Der Richter wird zum einen eh immer als Mann mit der "Masche" der Irritation geschildert, zum anderen hätte er laut Erzähler lieber "über Hanna oder auch sich selbst" reden sollen, es fehlte also die verständnisvolle, persönliche Anmutung, kurz: "Die Antwort des Richters wirkte hilflos, kläglich" (S. 107f), so soll man es halt sehen. - Was wäre denn die von Schlink bevorzugte Alternative? Hanna macht es im Gerichtssaal wieder einmal richtig vor: "Sie sah mich einfach an. Ihr Gesicht bat um nichts, warb um nichts, versicherte oder versprach nichts. Es bot sich dar. Ich erkannte, wie angespannt und erschöpft sie war." (S. 112) Ecce homo: Der Leser wird zum Mitleid verführt, ganz menschlich, d.h. in der dummen Abstraktion von allen Unterschieden und Besonderheiten soll man Hanna sehen, die Ärmste, die niemand versteht - außer Schlink und damit dem Erzähler und damit, wenn's funktioniert, dem Leser. Oder noch schöner: Der Deutschkurs debattiert nach der Lektüre dieser menschelnden Obszönität darüber, ob man dafür denn nun Verständnis haben müsse / könne / dürfe, man macht an der Tafel eine Argumentationsliste, es kommen Erinnerungen an selbst durchgemachte Beziehungsgeschichten und Liebeskummer auf, wo man auch einmal jemanden verstanden oder eben nicht verstanden hat - und so geht sie dahin, die Einfühlung in die KZ-Aufseherin und ihren Ex-Lover. Prompt habe ich es in einer mündlichen Prüfung erlebt, dass eine Schülerin interpretierte: "auch Nazis sind Menschen", als hätte man behauptet, es seien Pflanzen. Das per Einfühlung ermogelte "auch" ist ja ganz anders herum gemeint: Nazis sind vor allem Menschen, d.h. ihre spezifische Tätigkeit, ihr Staatsterror und Völkermord, wird beiseite gewischt zu Gunsten von: Mensch.
Verständnis: Für einen Fanatiker der Einfühlung ist Begreifen natürlich ein völlig untauglicher Weg: "Was sollte und soll meine Generation der Nachlebenden eigentlich mit den Informationen über die Furchtbarkeiten der Vernichtung der Juden anfangen?" (S. 99) Ja, was wohl? Und man bemerkt schon die Rhetorik dieser Frage: Natürlich laut Text gar nichts! - "Wir sollen nicht meinen, begreifen zu können, was unbegreiflich ist." (S. 99; der Satz steht nicht umsonst im Präsens) Auch so kann man Vergangenheitsbewältigung zu einem Ende bringen: Schwamm drüber, ist eh nicht zu begreifen. Aber so einfach ist es dann doch nicht: "Aber dass einige wenige verurteilt und bestraft und dass wir, die nachfolgende Generation, in Entsetzen, Scham und Schuld verstummen würden - das sollte es sein?" (S. 100) Infam ist hier schon der Mengenvergleich: einige wenige, das ist ja ungerecht; und die "nachfolgende Generation" ist für eine Beurteilung sowieso nicht kompetent, denn sie war ja nicht dabei. - Also dann bitte die Alternative; es spricht die KZ-Aufseherin in treuherzigem Ton: "Und weißt du, wenn keiner dich versteht, dann kann auch keiner Rechenschaft von dir fordern ... Aber die Toten können es. Sie verstehen." (S. 187) Eine widerlichere Anbiederung eines Täters an seine Tausenden Opfer habe ich noch nirgends gelesen. Und dem Ich-Erzähler fällt dazu nichts ein (Champagner wird allerdings doch getrunken).
Die Ersetzung von politischer Analyse durch individuelle Psychologie, oder anders: Das Ausmalen einer selbstverständlich scheiternden Liebesbeziehung, in der konsequent Verständnis für eine KZ-Aufseherin entwickelt wird, statt einmal ganz unliterarisch den faschistischen Terror zu thematisieren (oder eben die literarische Klappe zu halten) - das ist das Kunststück, das Schlink gelungen ist.
Der Romancier und Philologe Frederic Raphael hat schon Recht, wenn er die "Ausgewogenheit zwischen den Belangen des Mörders und seines Opfers" in Schlinks Roman als eine "Form der Kollaboration mit dem Bösen" bezeichnet und Schlink selbst als einen "bewussten Falschmünzer" (Times Literary Supplement 3/2002). Und Jeremy Adlers Diktum von "Der Vorleser" als "kulturelle Pornographie" trifft es exakt.
Soviel zum Zentralabitur in Deutsch, NRW, 2007.
© Michael Kraus, 28. April 2005
Nachtrag nach dem Zentralabitur Deutsch im März 2007:
Im Februar 2007 hatte ich in einem Forum geschrieben: "... Ich halte es für angebracht, die ganze werkimmanente Perspektive zu verlassen und das Machwerk kritisch und mittlerweile auch rezeptionskritisch (1000 begeisterte LKs!) zu analysieren. Übrigens geht eine Übungsklausur (Cornelsen-Verlag?) auch genau in diese letztgenannte Richtung. Als ich das Ministerium in Düsseldorf wegen dieses - tja - widerwärtigen Machwerks ansprach, antworteten sie mir, dass sie auch schon darauf achten würden, dass im Zentralabitur keine naive Einfühlung abgefragt wird." - Im Abi ging's dann bekanntlich darum, ob "man" dieses Buch in den Literaturkanon aufnehmen sollte.