Material für den Pädagogikunterricht
Jugendliche Subkulturen in der Bundesrepublik
Die folgende Darstellung ist natürlich sehr grob und lückenhaft; es fehlen z.B. Autonome und Skinheads. Allerdings geht es nicht um eine Auflistung von Moden und Freizeit-Stilen (Biker, Skater ...), sondern um einige Wendepunkte im Verhältnis von Jugendlichen zu Erwachsenen und Staat. - Kommerzialisiert wird seit spätestens den 50er Jahres jede jugendliche Subkultur, seit spätestens 1990 auch nicht mehr mit Verspätung, sondern bei Techno sofort, bei Hip-Hop in Deutschland sofort. Man sollte also die Unterscheidung in "nur/schon kommerzialisiert", "Möchtegern-..." und "echt" aufgeben.
Halbstarke
1948 - 1960
Wirtschaft, Politik: Wiederaufbau, Regierung Adenauer (CDU) von 1954 - 1963, "Wirtschaftswunder": sinkende Arbeitslosigkeit (bis 1970 auf 0,7%), Wachstumsraten zwischen 5% und 12%, Integration der BRD in die NATO
öffentliche Ausdrucksformen, Gruppenstile: Jeans, Lederjacke, Nieten, Ketten, Plaketten, Mopeds ("Kreidler Florett"); Elvis Presley: Jail-House-Rock; Bill Haley: Rock around the Clock; männlich orientiert
Grundpositionen; Verhältnis zu früheren Subkulturen, zu Erwachsenen und Staat: Halbstarkenkrawalle; Kampf um die Anerkennung der Jugend als eigener Gruppe (nicht nur als Phase); "Wir wollen unseren Anteil an dieser Welt." Keine Ablehnung eines künftigen Lebens als normale Erwachsene.
Hippies, Alternative
1965 - 1975
Wirtschaft, Politik: erste Wirtschaftskrisen (Kohle): Einbruch der Wachstumsrate 1967 auf -0,1%, aber 1968 wieder bei +7,5%, Anstieg der Preise im 1. Ölpreisschock auf 7% (1973) und 7% (1974), Anstieg von Löhnen und Gehältern um 11% (1974); Regierungskoalition aus SPD und CDU 1966 - 1969, Regierung Brandt (SPD) 1969 - 74, Wahlrecht von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt (1970), Notstandsgesetze, Studentenunruhen; Vietnamkrieg
öffentliche Ausdrucksformen, Gruppenstile: feminin, indisch, indianisch; langes unfixiertes Haar auch für Jungen; Wohngemeinschaften, Haschisch, LSD; Die ersten: The Pranksters ("Witzbolde") 1964/65 in den USA, Jimi Hendrix: Hey Joe, The Beatles: Magical Mystery Tour; The Grateful Dead, frühe Live-Mitschnitte
Grundpositionen; Verhältnis zu früheren Subkulturen, zu Erwachsenen und Staat: "Make Love not War", "Flower-Power": Ablehnung des Lebens der Erwachsenen; z.T. Widerstand gegen Politik und Staat; positive Utopien; "Durch unsere Lebensweise würde die Welt besser werden." - Lektüre: Tom Wolfe, Unter Strom (der authentische Bericht in authentisch ausgeflippter Form über die Genese der Hippies - von einem, der dabei war).
Punks
1976 - 1983
Wirtschaft, Politik: 2. Ölpreisschock 1980, Rezession: Wachstumsraten zwischen plus-minus 1 Prozent 1980, '81, '82, seitdem (bis heute, 2003) steigende oder hohe Arbeitslosigkeit: 7% - 12%, Jugendarbeitslosigkeit, Preisentwicklung 1981 = 6,3%; Regierung Schmidt SPD/FDP, Regierung Kohl CDU/SPD ab 1982
Herbst 1977: Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto durch die RAF, Hanns-Martin Schleyer (Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie) wird von der RAF entführt), Entführung einer Lufthansa-Maschine durch arabische Terroristen, Befreiung der Geiseln (Urlauber) durch deutsches Sonderkommando (GSG 9), als Folge werden drei führenden deutschen RAF-Leute (Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl-Raspe) tot in ihren Gefängniszellen aufgefunden, Schleyer von der RAF ermordet, "Rasterfahndung"
öffentliche Ausdrucksformen, Gruppenstile: Sex Pistols: Anarchy in the UK, DAF, Einstürzende Neubauten, KFC, Mittagspause, Liebesgier, Mania D., Fehlfarben, Der Plan, Abwärts, Die Krupps. Scharf davon zu trennen ist die Neue-Deutsche-Welle: Ideal, Extrabreit, Trio, Nena ... Diese Bands und diese Musik wurde von den Punks der ersten Generation wegen ihres Bezuges auf Spaß, Harmlosigkeit und Einverständnis mit dem Lauf der Dinge heftig abgelehnt.
Grundpositionen; Verhältnis zu früheren Subkulturen, zu Erwachsenen und Staat: "No future", "Null Bock"; Das Beharren auf unbedingter Geltung der eigenen Autonomie - auch gegen sich selbst, gegen alle Tabus: Schulabbruch, Wohnung im Keller, Verweigerung der üblichen Vorgaben für Rockmusik (Melodie) und Instrumente, Ablehnung von "Verschnörkelung", Ablehung von konventioneller (auch Hippie-) Kleidung und Schmuck, Äußerung eigener Wut und Kraft (Buttons), Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst (Sicherheitsnadeln und Rasierklingen als Schmuck, Selbstverletzung), gegenüber anderen Subkulturen, gegenüber "falschen" Punks oder "falschem" Punkrock (Bandauftritte als Schlägerei); Emanzipation der Mädchen; auch sprachliche Autonomie (deutsche Texte wegen Verständlichkeit). Aus dem Kult der Tat ("straight" satt "lasch") teilweise Übergang zu Rechtsradikalismus als Pose (DAF) oder im Ernst (Skinheads); meist aber links-anarchistisch orientiert. - Lektüre: Jürgen Teipel, Verschwende deine Jugend (ein so genannter Doku-Roman - von einem, der dabei war).
Techno und Hip Hop
seit etwa 1990
Wirtschaft, Politik: Auflösung der UdSSR, 1990 Anschluss der DDR an die BRD, anhaltende Massenarbeitslosigkeit in Deutschland um oder über 10%, 1993 Einbruch der Wachstumsrate auf -2,4%, 1998 Etablierung der Grünen als Regierungspartei.
Deutschland und Frankreich sind die führenden EU-Staaten und entwickeln zugweise eine antiamerikanische Politik.
öffentliche Ausdrucksformen, Gruppenstile: Hip Hop enstand in den 70er Jahren in den Ghettos der US-Metropolen als Straßenkultur. Elemente des Drogenhändler-, Banden- und Gefängnislebens werden in Accessoires, Kleidung, Tanz (Breakdance), Musik (Rap: rhythmischer Sprechgesang; scratchen: Manipulation von Analogplattenspielern) und sonstiger Kunst (Graffiti) zitiert und fantasievoll verwendet: zerrissene, übergroße Kleidung, tragbare Musikgeräte, Analogplatten, Stimme als Geräuschimitation, enorme Präzision und Geschicklichkeit im Umgang mit (zunächst) Analogplattenspielern als neuartigen Musikinstrumenten (scratchen). Hip Hop war zunächst der Lebenstil der Aussortierten, die aufsteigen wollten. Der Wille zum Aufstieg per Kunst äußert(e) sich im Hereintragen von Konkurrenz ("Battle") - als Spaß oder aggressiv; andererseits ist hier eine deutliche Parallele zum Punk: "Jeder kann es". Das Aufsteigermoment hat sich in Deutschland verselbständigt zur Demonstration, dass man diesen Aufstieg geschafft hat: Verachtung für alle, die den Sieg in der Konkurrenz angeblich nicht schaffen: Frauen, Ausländer, "Neger" - oder ihn nicht verdienen: "Gymnasiasten". Diese Verachtung äußert sich in Texten, die Schmerz und Gewalt genussvoll in derber und obszöner Sprache vorführen. Hip Hop ist männlich, sexistisch, chauvinistisch orientiert.
Techno: Mit seiner Glück- und Tanzseligkeit, auch in der bunten Kleidung, deutliche Anklänge an die Hippiekultur; Techno demonstriert(e) mit der "Loveparade" und den entsprechenden Parolen (z.B. "One world, one future") den Willen zum Genuss, zu Hedonismus (auch durch Drogen wie Extasy, eine Musikrichtung heißt z.B. Trance). Techno ist eher weiblich orientiert, der Gestus der aggressiven Konkurrenz ist Techno fremd.
Grundpositionen; Verhältnis zu früheren Subkulturen, zu Erwachsenen und Staat: Hip Hop: Anders sein als die anderen Jugendlichen, alle anderen Hip Hopper übertreffen - und das mit dem Gestus der Unbekümmertheit ("cool"). Techno: Gemeinsam die Freizeit genießen. Beide Subkulturen grenzen sich nicht von den Normen und Werten der Gesellschaft ab (anders als Hippies und Punks), Hip Hopper führen z.T. ein erstaunlich spießiges Privatleben (wohnen bei Muttern, Kinder), insofern sind sie in einigen Elementen mit den Halbstarken vergleichbar.
Analytisches Material zum Hip Hop: "Stop Hip Hop", sehr spöttisch - ein Artikel aus der "Zeit" von 2005 zur Aggressivität von Aggro etc. - der "Spiegel" über Rechtsnationalismus bei Fler - zum Geschäftsmodell von Aggro - über die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) - zur Indizierung (BPjM) von Bushido- und Sido-Songs - eine privat erstellte Liste indizierter (BPjM) deutscher Rap-Songs - die BPjM über Hip Hop und Mädchen - Interview mit Fler.